Unsere Zeit am Ramitzl-Hof

Zwischen Stallgeruch, Bergluft und kleinen Abenteuern

Nachdem uns der Arbeitseinsatz in Tirol so gut gefallen hatte und wir schnell merkten, wie sinnvoll diese Unterstützung für die Bauernfamilien ist, fiel die Entscheidung leicht: Ein weiterer Einsatz sollte folgen.
Dieses Mal zog es uns nach Südtirol - genauer gesagt auf den Ramitzl-Hof in St. Peter bei Lajen, einem traditionsreichen Erbhof hoch über dem Tal.

St.Peter /Lajen

Erbhof „Ramitzl“

Untergebracht waren wir wieder in einem gemütlichen Zimmer mit etwas Platz und einem Bad - Luxus genug, um den frühen Start in den Tag gut wegzustecken. So störte es uns auch kaum, dass der Wecker bereits um 5 Uhr gnadenlos Rabatz machte. Pünktlich um 6 Uhr standen wir dann bereit, um am Ramitzl-Hof mitanzupacken.
Vieles lief in vertrauten Bahnen ab: Zunächst das alte Heu herauskehren, dann durfte Frank neues Heu von der Scheune hinabwerfen und Andrea verteilte alles. Danach standen mehrere Kälbchenställe auf dem Programm: ausmisten, frisches Stroh einbringen, alles wieder herrichten.
Da es auch hier Kühe gab, die dem Melken nicht besonders wohlgesonnen waren, durften wir erneut als „Kuh-Wellness-Team“ einspringen. Wer jetzt denkt: „Oh, wie süß!“, liegt falsch. Gekrault wurde nicht am Kopf, gefragt war beherztes Kraulen direkt am Arsch, genauer gesagt am Schwanzansatz. Wirkungsvoll, aber definitiv gewöhnungsbedürftig.
Zudem musste der großzügige Außenstall vom Kuhmist des letzten Tages befreit werden. Mit Schieber, Schaufel und Schubkarre bewaffnet, ging es an die Arbeit. Während sich drinnen die Kühe ihre Bäuche mit frischem Heu vollschlugen, offenbar mit dem festen Vorsatz, später wieder für reichlich Nachschub zu sorgen, schoben wir die ganze Scheiße zusammen, schaufelten sie in die Schubkarre und brachten alles nach und nach zum Misthaufen.
So gegen halb 8 gab es dann Frühstück. Doch, noch bevor wir zulangen konnten, gab es Alarm. Keiner hatte daran gedacht, den Elektrozaun am Außenstall einzuhängen. Die neugewonnene Freiheit nutzten die Kühe prompt für einen kleinen Ausflug. Also mussten wir uns mit Stöcken bewaffnen und die entflohenen Kühe wieder zurücktreiben. Ein Heidenspaß - zumindest im Nachhinein!
Verblüfft stellten wir fest: Auf einem Hof mit ca. 700 Hühnern hätten wir erwartet, dass es jeden Morgen Eier zu essen gibt. Aber weit gefehlt. Offenbar isst man hier am Hof eher wenig Eier. Soll jetzt aber nicht heißen, dass es überhaupt keine gab. Für uns wurden, weil wir sie mögen, täglich frische Frühstückseier gekocht. Aber der Rest der Familie hatte nur gelegentlich mal eins gewollt.
Nach dem Frühstück gab es eine kurze Pause, dann ging es wieder an die Arbeit. Heu vorbereiten, den Stall der Laufenten ausmisten und Eier sortieren, säubern und beschriften. So verging der Vormittag ratzfatz und es wurde zum Mittag gerufen.
Am Nachmittag half Frank mit, beim Agrotruck die Ladefläche abzustellen und stattdessen den Rungenaufbau mit Holzladekran zu montieren und alle beweglichen Teile abzuschmieren. Hier zeigte der Bauerssohn, was er kann. Obwohl gerade 15 Jahre alt, steuerte er den Truck wie ein Profi millimetergenau unter den Aufbau und zwischen den Gebäuden hin und her. Andrea half unterdessen bei Elisabeth ein wenig im Haushalt, denn neben der Bewirtschaftung des Bauernhofs und der Betreuung von drei Kindern bleibt nur wenig Zeit für die Hausarbeit. Während unserer Zeit hier merkten wir schnell, dass alles gut geplant und durchgetaktet sein muss, damit alles reibungslos funktioniert.
Kurz nach 17 Uhr ging es dann wieder in den Stall. Heu herauskehren, neues Heu verteilen und den Außenstall für die Nacht bei Frosttemperaturen vorbereiten. Außerdem mussten bei den Hühnern die Klappen zum Freilauf geschlossen werden, da sonst Raubtiere das reichhaltige Buffet plündern würden. Gegen 19:30 Uhr war schließlich Feierabend.

Was sollen wir viele Worte machen, um 5 klingelte der Wecker, ab 6 Uhr standen wir im Stall. Abmisten, Heu verteilen, … Da wir vom Bichl-Hof bereits die Arbeitsabläufe grundsätzlich kannten, war es für uns inzwischen schon Routine. So konnten wir ganz nebenbei auch noch mithelfen, das kleine Kälbchen Sindy aufzupeppeln. Dies wollte partout nicht eigenständig trinken und so mussten wir es mit sanfter Gewalt zu seinem Glück zwingen.
Tagsüber durfte sich Andrea dann selbständig um das Sortieren und Säubern der Eier kümmern. Ihr wurde dazu noch einmal genau der Ablauf und die Bedienung der Maschinen erklärt. Da es in dem Sortierraum aus hygienischen Gründen recht sauber zugehen musste, wurde es Andrea übertragen, täglich die Eier zu sortieren. So war für Andrea der Arbeitstag ab sofort bis mindestens mittags durchgeplant.
Für Frank hieß es ab zum Holz machen. Julian, der Bauerssohn, holte zusammen mit seinem Opa Karl mit dem Agrotruck die Baumstämme vom Lagerplatz zum Haus. Dort wurden sie bereits beim Abladen auf kamingerechte Länge geschnitten. Aber wie werden aus den Holzklötzen Kaminscheite? Frank hoffte inständig, dass jetzt nicht die große Axt ausgepackt wird. Auch wenn es beim Profi immer so einfach aussieht. Aber für Ungeübte ist es nicht nur extrem anstrengend, sondern es ist auch sehr schwierig, zielgenau den Holzklotz zu treffen. Somit kann es für Anfänger richtig gefährlich werden. Die Erleichterung folgte als statt der Axt eine elektrisch betriebene Spaltmaschine aufgestellt wurde. So musste Frank nur noch die Holzklötze auf die Maschine hieven und diese dann in Aktion versetzen.
Abends wartete wieder der Stall. Kühe müssen etwa alle zwölf Stunden gemolken und gefüttert werden, unabhängig vom Wochentag. Zudem müssen Außenstall und Hühner wieder für die Nacht vorbereitet werden - diesmal mit tatkräftiger Unterstützung von Ayleen, der 13-jährigen Tochter.

Wie schon im Bericht zum Bichl-Hof angedeutet, hat man im normalen Berufsleben das Wochenende - sprich Samstag und Sonntag - frei. Die Landwirtschaft jedoch kennt kein klassisches Wochenende. Bei einem solchen Arbeitseinsatz auf dem Bauernhof ist es daher üblich, nur am Sonntag frei zu haben und somit eine 6-Tage-Woche zu schieben. Da Kühe nun einmal weder einen Kalender noch Wochentage kennen, ist auch der Sonntag nicht wirklich frei. Früh und abends steht unabhängig vom Wochentag die Stallarbeit an. Also mussten auch wir am Sonntag wieder früh morgens aufstehen. Aber die Zeit zwischen Frühstück und abendlicher Stallroutine hatten wir frei.
Wegen der frostigen Temperaturen nutzten wir den Vormittag für Büroarbeit in der vom Holzofen beheizten Stube. Frank wollte endlich die Homepage so umbauen, dass neben Deutsch die Artikel auch in englicher Sprache aufgerufen werden können. Zudem hatte er herausgefunden, die bisherige Struktur sei nicht besonders suchmaschinenfreundlich gewesen und wollte dies in dem Zuge ebenfalls anpassen.
Als am Nachmittag dann die Temperaturen etwas angenehmer waren, unternahmen wir einen Spaziergang. Unweit des Ramitzl-Hofs kamen wir an einem anderen Hof vorbei, der schottische Hochlandrinder hielt. Diese zottigen Tiere sehen echt kuschelig aus. Aber die Kälber sind ja erst süß. Leider sind die Tiere aber nicht sehr streichelwillig.
Weiter ging es mit herrlichem Blick ins Tal hinein in den Wald. Hier entdeckten wir einen Wasserlauf, der angesichts der Temperaturen in wunderschönen Eisskulpturen erstarrt war. Je genauer man die Formenvielfalt betrachtete, um so mehr Details entdeckten wir. Beeindruckend, was die Natur da hervorgebracht hat.
Mit inzwischen kalten Fingern und tollen neuen Eindrücken machten wir uns dann wieder auf den Weg zum Hof.

Die Zeit auf dem Bichl-Hof fanden wir inspirierend und für die Familie sinnvoll und notwendig. Daher hatten wir uns schon von Beginn an entschieden, auch auf dem Ramitzl-Hof zwei Wochen zu verbringen. Einerseits benötigt man ohnehin ein/zwei Tage, um in den Ablauf hineinzukommen. Zudem will man ja auch die Familie etwas kennenlernen und als echte Hilfe wahrgenommen werden. Da sind sechs Tage einfach zu wenig.
Aber es bedeutet auch, sich auf zwei Wochen zu binden und sich auf den Takt des Hofes einzustellen. Für uns hieß es somit für die nächsten zwei Wochen, um spätestens 5:30 Uhr aufzustehen und zur morgendlichen Stallarbeit zu erscheinen. Nach dem Frühstück dann Eier sortieren und alle sonst anfallenden Arbeiten erledigen und abends zum Abschluss noch einmal Stallarbeit. So hieß es gerade bei Andrea: „Und täglich grüßt das Mureltier.“ Aber auch bei Frank stellte sich eine derartige Routine ein. Denn während er Holzklötze spaltete, wurden weitere Fuhren Holz herbeigeschaft. Zwar erleichterte die Spaltmaschine die Arbeit erheblich, aber anfangs kam der Eindruck auf, als würde der Berg an Holz nicht kleiner werden, während der Berg an Scheiten ständig wuchs und der Platz auszugehen drohte. Erst nach einer guten Wochen konnte Frank sich den letzten Holzklotz schnappen und spalten.
Nun war die Holzarbeit abgeschlossen, dennoch musste Frank sich nicht langweilen. Irgendetwas gibt es immer zu tun. So mussten hin und wieder mal die Heureste zusammengefegt und abtransportiert werden. Dann wurde mal der Hühnerstall ausgemistet oder es mussten sonstige Reparaturen vorgenommen werden.

Natürlich fehlte es dennoch nicht an Abwechslung. Das wäre dann doch etwas eintönig. So fiel zum Beispiel „Heilige Drei Könige“ in unsere Einsatzzeit. An diesem Tag fand eine Messe in der Kirche in St. Pietro statt. Dabei kamen wir in den Genuss, die Stimmen von Karl und Selina zu hören zu bekommen. Denn beide singen im Kirchenchor mit. Nach der Messe hatten wir endlich Zeit ein paar Fotos von der wunderschönen Kirche zu machen, bevor es ins benachbarte Wirtshaus ging. Dort traf sich das halbe Dorf zum Plausch und uns wurde die Ehre zu Teil, den Pfarrer an unserem Tisch begrüßen zu dürfen.
An unserem zweiten Sonntag auf dem Hof sollte es Traumwetter geben. Daher wollten wir gerne eine größere Wanderung unternehmen. Ein Ziel war schnell gefunden. Durch die Bauersfamilie wird im Sommer oberhalb an einem Berghang eine Ausflugshütte betrieben. Der Weg dorthin sollte durch den Bergwald führen und gelegentlich Ausblicke ins Tal bieten. Ausgestattet mit warmer Kleidung und Spikes für alle Fälle ging es den teils recht steilen Fahrweg hinauf. Die schöne aber auch anstrengende Wanderung endete schließlich an der Ramitzler-Schwaige auf etwa 1.800 m Höhe. Hier machten wir eine Brotzeit und ließen unsere Drohne etwas fliegen, bevor es an den Abstieg ging.
Wir dachten schon, dass die Wanderung das Highlight dieses Tages war und wären damit auch sehr glücklich gewesen. Aber auf einem Bauernhof muss man immer mit Überraschungen rechnen. Als wir gerade beim Ausruhen in der Stube saßen, kam Rosmarie herein und meinte, ein Kälbchen würde kommen. Was, im Ernst? Genau jetzt, in dem Moment? Wir schnappten uns schnell das Handy für Bilder und Videos und schlüpften im Stall nur in unsere Gummistiefel und dann waren wir auch schon mitten dabei. Die Hufe schauten schon heraus und kaum eine halbe Stunde später war das neue Kälbchen geboren. Innerhalb von Minuten wurde aus Anspannung Staunen, aus Routine pure Emotion. Die Mutterkuh schleckte sogleich ihr Kalb ab und Elisabeth versuchte, es mit etwas Milch zu füttern, was problemlos funktionierte. Und dann versuchte das Kalb auch schon aufzustehen und schaffte es nach nur wenigen Versuchen. Jetzt musste nur noch ein Name gefunden werden. Wegen der Tradition den Anfangsbuchstaben der Mutterkuh zu verwenden, erhielt es schließlich den Namen Sunshine - von uns liebevoll ergänzt zu „Little Sunshine“.

Einen anderen Tag überraschten uns die Großeltern Rosmarie und Karl mit einem Ausflug. Trotz aller Bemühungen taten sie ganz geheimnisvoll. Wir bekamen einfach nicht heraus, wo es hingehen sollte. Als es jedoch losging, wurde uns empfohlen, uns warm anzuziehen. Also schlüpfte Andrea wieder in die ihr zur Verfügung gestellte Skihose. So ausgestattet ging es zunächst über viele Serpentinen hinab ins Tal, wo wir noch Ayleen - die Enkelin - einsammelten. Unser Weg führte nun über St. Ulrich und Wolkenstein immer weiter ins Grödental hinein. Nachdem wir einige Kehren genommen hatten, öffnete sich der Blick über verschneite Hänge zurück ins Tal. Wenig später hatten wir offenbar unser gemeinisvolles Ziel erreicht, da wir auf einem Parkplatz anhielten. Von dort ging es nur noch zu Fuß oder ggf. mit Skiern weiter. Unser Weg führte mitten in eine idyllische Winterlandschaft hinein, in der überall Skipisten verliefen. So standen auch wir plötzlich vor einer recht gut besuchten Piste und mussten einen geeigneten Zeitpunkt abpassen, um diese queren zu können. Dann waren wir am Ziel. Unsere Gastfamilie steuerte eine kleine Almhütte direkt neben der Skipiste an. Angesichts der praktischen Lage war die Hütte rammelvoll mit Skifahrern, die sich aufwärmen und/oder stärken wollten. Mit etwas Glück konnten wir in einer Ecke noch genügend Plätze für uns an einem Tisch ergattern.
Und dann wurde geschlemmt: Schokokuchen, Germknödel mit Vanillesauce, Bombardino und warmem dunklen Holundersaft. Nach diesem Genussmoment ging es wieder hinaus in die Winterlandschaft. Hier erfuhren wir, dass wir uns eigentlich direkt am Langkofel befinden und sich dessen Granitspitzen neben uns erheben. Leider verdeckten Wolken den majestätischen Anblick. Wir waren trotzdem begeistert und konnten uns an der Szenerie aus Dolomitengipfel, Wolken, Licht und Weite gar nicht satt sehen.
Damit war unser nachmittaglicher Ausflug zu Ende und wir machten uns wieder auf den Weg zum Hof - dachten wir zumindest! Aber an einer Kreuzung bogen wir unerwartet ab und die Straße schraubte sich immer weiter hinauf. Wo wollte man denn jetzt mit uns hin? Am Hof wartete doch die Stallarbeit auf uns. Aber offenbar konnte diese noch ein wenig länger warten. Wir wurden stattdessen zu einem Aussichtpunkt aufs Grödner Joch und ins Tal Richtung Kurfar gefahren. Die alpine Landschaft war einfach atemberaubend.

Einen anderen Tag sollten wir uns einen Rechen schnappen und den großen Heukorb schultern, um beim Laub kehren zu helfen. Okay, wer einen Garten hat weiß, was das für eine Arbeit ist. Aber was bedeutet das erst bei rund 10 Hektar Land, mitten in den Bergen? Nein, wir mussten nicht die komplette Fläche abharken. Es ging lediglich um einen Bereich bei einem Wäldchen, eingerahmt von steilen Hängen. Zudem kam ein Laubbläser zum Einsatz, um zumindest das Laub grob zusammenzutragen. Allerdings oblag es uns, das Laub auf einem Fahrweg aufzuschichten, sodass mit dem Agrotruck - nun mit einem Heulader ausgestattet - das Laub aufgenommen werden konnte. Doch wie so oft in den Bergen hatte auch diese Arbeit ihre Tücken: Teile der Fläche waren so steil, dass der Truck dort nicht fahren konnte. Hier musste das Laub in riesige Säcke gestopft und zum Truck geschleppt werden. Erst mit Einbruch der Dämmerung war die Arbeit geschafft. Ausruhen war aber nicht drin, denn es war Zeit für den Stall.
Die Laubaktion hätte zeitlich unser letzter Tag auf dem Hof sein sollen. Und so kam es zu dem einen entscheidenden Gespräch mit der Familie. Wie geht es weiter? Auch wir hatten uns schon beratschlagt. Da für uns offensichtlich war, dass unsere Hilfe gut ankommt und wir uns auch noch sehr wohl fühlten in der Familie, hatten wir bereits für uns entschieden, den Einsatz um eine Woche zu verlängern. Als wir dies eröffneten, war Elisabeth sichtbar erfreut. Natürlich musste noch der zuständige Verein informiert werden. Aber auch dort war man erfreut, dass wir so flexibel sind und unseren Einsatz verlängern wollten.
Wir waren gespannt, welche Arbeiten uns in der nächsten Woche erwarten würden.

Alles begann direkt mit einem schon länger angedachten Projekt. Das Holzlager neben der Scheune war bislang eher provisorischer Natur. Unter dem Schleppdach lagerten alle Hölzer - Bohlen, Bretter, Pfosten und mehr - über- und nebeneinander aufgeschichtet. Wenn bestimmte Teile benötigt wurden, musste ggf. das halbe Lager ausgeräumt und am Ende wieder eingeräumt werden. Daher wollte Karl gerne zusätzliche Stützen einbauen und mittels Querhölzern mehrere Fächer schaffen. Dank tatkräftiger Hilfe durch Frank konnte das Projekt endlich umgesetzt werden.
Nachdem durch das Rausräumen einiger Bretter der notwendige Platz geschaffen war, konnten die Stützen auf erforderliche Länge geschnitten und fest mit der Dachkonstruktion verschraubt werden. Jetzt noch die Querhölzer sauber im Wasser anschrauben, dann konnte das neue Holzlager wieder befüllt werden.
Währenddessen kümmerte sich Andrea um eine nicht minder wichtige Aufgabe: die Reinigung der Leitungen der Melkanlage. Die Kühe führten dabei eine ausgiebige Qualitätskontrolle durch, schnupperten neugierig und forderten ihre Streicheleinheiten ein - das Ergebnis fiel positiv aus.
Unverhofft interessierten sich die Kinder für Astronomie, daher nutzten wir den klaren Nachthimmel und die geringe Lichtverschmutzung und gingen auf Sternenjagd. Trotz frostiger Temperaturen zeigten wir Ayleen und Selina, die wunderschönen Sternbilder wie Orion und Kassiopeia. Im Gegenzug präsentierte Selina uns voller Stolz ihre ganz eigenen Sternbilder: den Teddybär und den Miniwagen 😉.

Ein paar Tage später überraschte uns Elisabeth plötzlich nach dem Frühstück. Ob wir Lust auf einen Ausflug und eine Wanderung hätten? Aber ja, klar! Warum nicht. Aber was ist mit unseren Arbeiten? Offenbar alles schon geregelt. Und so saßen wir wenig später gerüstet für eine Bergwanderung mit Elisabeth und dem Hofhund Sally im Auto. Vom Ramitzl-Hof ging es hinab bis zur Talsohle und hinaus ins Eisack-Tal. In Klausen querten wir die Eisack und dann ging es über zahlreiche Serpentinen und die Ortschaft Villanders bis zu einem Wanderparkplatz. Unterwegs witzelten wir noch, dass wir - obwohl gerade Wintersaison ist - bisher keinen Schnee gesehen hatten und ungewiss sei, ob wir heute Glück haben würden. Die Sorge war unbegründet. Schon am Parkplatz wurden wir von der weißen Pracht begrüßt.
Vom Parkplatz ging es dann mitten hinein in eine herrliche Bergwelt und unter unseren Schuhen knirschte der Schnee. Unter strahlend blauem Himmel glitzerten die Schneekristalle und der Blick über die verschneiten Hänge bis zu den umliegenden Berggipfeln entlockte uns immer wieder ein „Wow“.
Nach etwa einer Stunde erreichten wir die Stöfflhütte auf rund 2.100 m Höhe. Angesichts des schönen Wetters nahmen auch wir auf der Terrasse Platz und ließen uns einige regionale Köstlichkeiten schmecken. Zum Abschluss durften wir noch eine Kostprobe von verschiedenen Schnäpsen nehmen. Da wir zu Dritt waren, gossen wir uns die spannendsten Varianten - Zirm, Heu und Enzian - ein.
Wieder einmal eine sehr gut gelungene Überraschung, die wir so schnell sicher nicht vergessen werden.

Und dann schäumten unsere Gefühle über. Man hatte uns zwar schon angekündigt, dass wir vielleicht noch eine Geburt erleben könnten. Zudem sollten Jersey-Kälbchen noch etwas kleiner sein, als die vom Braunvieh und somit noch niedlicher. Daher hofften wir inständig, dass das Kälbchen noch während unseres Einsatzes kommt.
Als wir gerade auf dem Weg zur regulären Stallarbeit am Abend waren, hieß es nur, das Kälbchen kommt. Wir waren wohl nie zuvor so fix in unseren Stallklamotten. Dann standen wir ganz fasziniert am Stall, wo die Mutterkuh „Missi“ in den Wehen lag. Der erste Huf schaute schon heraus. So blieb noch Zeit, zumindest einen Teil der Stallarbeit zu erledigen, auch wenn unsere Anspannung gewaltig war.
Plötzlich holte Elisabeth ein Seil und befestigte es an dem herausschauenden Huf. Aber warum? Egal, sie wird schon wissen, was sie tut! Wir standen nur daneben und schauten staunend zu. Doch dann wuchs die Aufregung. Elisabeth versuchte das Seil auch noch um den zweiten Huf zu schlingen. Als es endlich saß, zog sie während einer Wehe kräftig daran. Ahh, sie wollte bei der Geburt etwas nachhelfen. Aber auch diese Methode half nichts. Es ging fast nichts voran. Schließlich griff Frank zwanglos und beherzt zu. Auch wenn er auf dem etwas rutschigen Boden wegrutschte und mitten in der Scheiße landete, ließ er nicht locker. Und mit vereinter Kraft stellte sich endlich der gewünschte Erfolg ein. Erst war nur die süße Nase zu sehen, dann kam das Köpfchen und schließlich war ein neues Kälbchen geboren und lag im Stroh. Wir schauten uns staunend und voller Rührung an und hatten dementsprechend Tränen in den Augen. Wir waren nicht nur dabei, sondern hatten mitgeholfen - wir waren Geburtshelfer.
Jetzt fehlte nur noch ein Name für den kleinen Stier. In guter alter Tradition den Anfangsbuchstaben der Mutterkuh zu verwenden und da es schon eine „Sunshine“ gab, war „Moonlight“ nur naheliegend.

Mit der Geburt von „Moonlight“ rückte aber auch der Abschied näher. Unser Plan sah vor, am Wochenende den Hof zu verlassen, um weiterzureisen. Aber offenbar hatte eine höhere Macht etwas dagegen. Jetzt waren wir schon seit Anfang Dezember, und somit seit gut anderthalb Monaten, mitten im Winter in den Bergen unterwegs und hatten eisige Temperaturen mit teils zweistelligen Minusgraden erlebt, waren aber von Schnee verschont geblieben. Und dann ging es an unserem letzten Tag wieder früh zur Stallarbeit und wir stapften hinaus in eine weiße Winterwelt. Über Nacht hatte es einige Zentimeter Neuschnee gegeben. Und dabei blieb es nicht. Den ganzen Tag über schneite es immer wieder, sodass an eine Abreise nicht mehr zu denken war. Was nun?
Ach, was solls, wir hatten hier einen wundervollen Familienanschluss gefunden, durften täglich mit den Kühen kuscheln und Kälbchen füttern und offensichtlich freute sich die Familie sichtlich über unsere Hilfe. Also warum nicht noch ein paar Tage bleiben? Manch einer wird sich jetzt denken, man könnte doch auch bei Schnee weiterfahren. Ja, das stimmt wohl. Allerdings befanden wir uns gerade auf gut 1.300 m Höhe und die schmale Bergstraße wurde zwar geräumt, aber hier wird kein Salz gestreut. Ganz ungefährlich ist es da nicht, bei derartigen Straßenverhältnissen eine kurvige Gefällestrecke hinunterzufahren. Und die Nachrichten gaben uns schließlich Recht. Es ist selbst in den Tallagen zu zahlreichen Unfällen durch Glätte gekommen.
Wir genossen stattdessen die traumhafte Winterlandschaft in den Bergen. Gab es uns doch die Gelegenheit nach weiß Gott wie vielen Jahren mal wieder einen Schnee-Engel zu machen und einen Schneemann zu bauen. Dabei hatten wir tatkräftige Unterstützung von Ayleen und Selina, die auch sichtlich Freude am Schnee hatten. Dennoch schauten wir besorgt auf die verschiedensten Wetterapps. Wird es bald besser oder kommt noch mehr Schnee? Da zudem Familienbesuch erwartet wurde, mussten wir zum nächsten Wochenende das Zimmer räumen. Hoffentlich sind bis dahin die Straßen wieder befahrbar.
Bis dahin würde es uns aber zumindest nicht an Arbeit mangeln. Neben der Stallarbeit kam jetzt halt noch Schnee schippen dazu. Einen Großteil des Hofes konnte zwar mit einem Traktor geräumt werden, aber direkt ums Haus herum blieb nur die gute alte Schneeschaufel zum Räumen.

Wir hatten ja bereits erwähnt, dass es am Ramitzl-Hof auch Laufenten gibt und wir hatten die Aufgabe übertragen bekommen, diese morgens und abends zu versorgen. Dazu gehörte neues Futter zu geben und die Wassernäpfe zu reinigen und aufzufüllen. Da wir dabei auch Enteneier fanden, stellte sich uns die Frage, was damit passiert? Angesichts der Tatsache, dass man hier nur selten Frühstückseier isst und ohnehin an einem Hühnerhof Eier im Überfluss vorhanden sind, wurden die Enteneier auf den Mist geworfen. Und dabei kann man doch Enteneier wohl genauso essen, oder? Sie würden allerdings etwas anders schmecken.
Also machten wir die „Probe aufs Exempel“. Nachdem alle alten Eier entsorgt waren, konnten wir uns sicher sein, dass die nächsten Eier, die wir vorfanden, ganz frisch sein müssen. Diese sammelten wir ein und zum Frühstück gab es dann für uns zum ersten Mal Enteneier - für uns ein kleines kulinarisches Abenteuer. Von der Form her sehen sie wie Hühnereier aus, allerdings ist die Schale leicht grünlich. Innen dann keine Überraschung: Eiweiß, Eigelb, alles wie gewohnt. Und der Geschmack? Ganz ehrlich? Es schmeckt wie ein Ei. Was eine Überraschung! Okay, es schmeckt ein wenig würziger. Andrea kam auf den Vergleich mit Fleisch vom Rind bzw. Hirsch. Beides schmeckt halt nach Fleisch aber Hirsch schmeckt würziger. So auch bei den Eiern. Laufenten sind eher noch Wildtiere als Hühner. Von da an war klar: Diese Eier gehörten nicht mehr auf den Mist, sondern auf unsere Teller.
Da die Enten nicht so fleißig wie 700 Hühner sind und es meist nur ein Ei gab, wurden die Frühstückseier durch Hühnereier ergänzt. Denn Ottonormal glaubt, Hühner würden immer die klassischen im Supermarkt erhältlichen Eier legen. Irrtum! Wir lernten auf dem Hof, dass es neben den „normalen“ Eiern auch solche gibt, die eine extrem dünne Schale aufweisen. Oder die Schale hat Dellen und Wellen oder es gibt gar Eier, die ohne Schale gelegt werden. Wer kann sich noch an Experimente aus der Schulzeit erinnern, wo mit Hilfe von Säure die Eierschale aufgelöst wurde? Zurück blieb eine weiche Hülle, die den Inhalt des Eis umschließt. Diese Eier können leider nicht zum Verkauf angeboten werden und werden daher entweder direkt am Hof verarbeitet oder an Freunde und Verwandte abgegeben.

Und dann rückte unser endgültig letzter Tag näher.
Die letzten Tage versuchte sich Frank noch als Sanitärler und Mechaniker. So musste ein verstopfter Ablauf gereinigt und der Anschluss der Dusche erneuert werden. Außerdem versuchte er die Kurzspültaste am WC zu reparieren, was ihm aber dann ohne passendem Ersatzteil doch nicht möglich war.
Wenige Tage bevor wir zum Ramitzl-Hof fuhren, hatte Karl einen kleinen Unfall mit dem Traktor, während er die Milch zum Abnehmer brachte. Zwar wurde der Traktor in der Werkstatt repariert, allerdings fehlten noch ein paar Anbauten, die Karl selbst wieder montieren wollte. Nachdem von der Werkstatt die dazu benötigten Ersatzteile (Scharnier und Halterung für den Spiegel) geliefert wurden, bekam Frank die Aufgabe, alles wieder zu montieren. Also schnappte er sich den Werkzeugkasten und dann wurde geschraubt und geflucht. Warum sind die Muttern vom Fensterscharnier nicht angeschweißt? Wie kommt man an diese jetzt ran? Tja, dazu muss erst die Innenverkleidung demontiert werden, um dann das neue Scharnier festschrauben zu können. Am Ende war er fast den gesamten Tag mit der Montage eines Außenspiegels und dem klappbaren Fenster beschäftigt. Dafür hatte Karl Zeit einige notwendige Arbeiten im Ziegenstall zu erledigen. Das war Teamwork, wie es hier inzwischen selbstverständlich geworden war.
Tja, und dann war er da. Der Abreisetag! Ein letztes Mal halfen wir am Morgen bei der Stallroutine. Nach dem Frühstück übernahm Andrea nochmal das Eiersortieren, während Frank die Sachen zusammenpackte. Irgendwie zögerten wir den Abschied noch bis zur Mittagszeit hinaus. Aber es half alles nichts. Felía wurde wieder für die Abfahrt bestückt. Doch zuvor gab es für die Kids und alle Interessierten eine ausführliche Tour durch unseren Genuss-Bus. Dann war es Zeit Abschied zu nehmen.
Wir drehten eine letzte Runde durch den Stall, streichelten noch mal die Tiere, sogen die vertrauten Gerüche und Geräusche bewusst in uns auf. Und dann mussten wir uns von unserer neuen Familie verabschieden. Und die Verabschiedung fiel so herzlich aus, dass wir uns ein paar Tränen nicht verdrücken konnten. Am Ende waren wir einen ganzen Monat am Ramitzl-Hof und wir waren nicht einfach nur irgendwelche Helfer. Wir waren Teil der Familie und wurden gute Freunde.
Trotz aller Vorfreude auf das was vor uns lag, liefen erneut Tränen als der Motor ansprang und wir die Hofeinfahrt hinauffuhren und der Ramitzl-Hof hinter uns zurückblieb.

Die Zeit am Ramitzl-Hof war mehr als Arbeit. Sie war Reise, Begegnung, Erlebnis und Emotionen pur.

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